Presse über par-ce-val

Sendetermin 27.01.2010, 10.05 Uhr

 

SWR2 Leben

Vom Komasaufen in den Kuhstall

Neue Einsichten für suchtabhängige Jugendliche

Von Klaus Schirmer

 

Jugendliche arbeiten im Kuhstall

 

Alkopops, Cannabis und hochprozentige Spirituosen sorgen heute bei Heranwachsenden für immer frühere und exzessivere Rauscherfahrungen. Für manche ist das der Beginn einer Abhängigkeit, noch bevor ihr Leben richtig begonnen hat. Suchtabhängige Jugendliche werden von den Angeboten der Jugendhilfe nur schwer erreicht, ein neues Therapiekonzept versucht nun, sie mit einer völlig unbekannten Lebenswelt zu konfrontieren. Leben und arbeiten auf dem Bauernhof. Auf diesen zumeist ökologisch wirtschaftenden Höfen lernen sie die Produktion von Lebensmitteln kennen, erfahren sich über die körperliche Anstrengung im Stall und in der Arbeit mit anderen. Völlig neu dabei ist, dass die Natur jetzt ihren Tagesablauf bestimmt und sie Verantwortung für andere Lebewesen übernehmen müssen. Für viele dieser Jugendlichen ist es die letzte Chance und gleichzeitig ein radikaler Einschnitt in ihre bisherige Lebenswirklichkeit.

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Artikel aus der Potsdamer Neuste Nachrichten vom 18.09.2008

Kein Raum zum Chillen
Drogenabhängige erfahren im Regelwerk der Suchthilfe Parceval in Groß Glienicke neue Freiheiten
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Artikel aus der Berliner Tageszeitung (taz) vom 25.02.2008

 

Drogenhilfe

Die Ruhe nach dem Sturm

 

In der Wohngruppe des Suchthilfeprojekts Parceval verzichten straffällig gewordene Jugendliche freiwillig auf fast alles, was sie sonst lieben.

VON ALKE WIERTH

 

Mindestens ein Jahr dauert die Therapie. Wer durchhält, ist danach ein anderer Mensch.

 

Als Erstes fällt die Ruhe auf. Aus den Fenstern von Haus Nr. 16 auf dem weitläufigen Gelände der Klinik Havelhöhe geht der Blick über die Havel in Richtung Großer Wannsee. Der Garten vor den Fenstern fällt sanft zum Wasser ab, Stühle stehen etwas unordentlich auf der Veranda, im Wintergarten wartet stumm ein schwarzes Klavier.

 

Im Haus setzt sich die entspannende Ruhe von draußen nahtlos fort. Hier wohnen neun Jugendliche im Alter von 13 bis 19 Jahren, die meisten teilen sich zu zweit eines der Schlafzimmer im oberen Stockwerk. Die Zimmer sind geräumig, hell und unerwartet aufgeräumt. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich, woran es liegt, dass das ganze Haus das Gefühl von Entspannung und Ruhe vermittelt. Es liegt an dem, was nicht da ist. Hier gibt es keine Computer, keine Fernseher, keine CD-Player oder iPods, nicht mal Radiowecker. An den Wänden hängen Bilder in gedämpften Farben, grelle Poster von Popstars sucht man vergebens. Stattdessen gibt es eine regelmäßige gemeinsame Musikstunde und natürlich das Klavier im Wintergarten.

 

Es ist schwer, sich vorzustellen, was in den Jugendlichen vorgeht, wenn sie hier ankommen. Das Haus 16 am östlichen Havelufer beherbergt eine der Wohngruppen des Jugend- und Suchthilfeprojekts Parceval. Der Name spielt auf die Hauptfigur des mittelalterlichen Epos über den Königssohn Parzival an: Der wurde vom unwissend-hilflosen Rabauken zum ritterlichen und weisen Edelmann. Die von der Einrichtung gewählte Schreibweise gibt dem Namen noch eine andere Bedeutung: Auf Französisch bedeutet "par ce val" - "durch dieses Tal".

 

Denn wer hier ankommt, hat vieles hinter und noch so manches vor sich. Parceval nimmt Jugendliche auf, die draußen nicht mehr klarkamen - und mit denen draußen keiner mehr klargekommen ist. Sie sind auf Alkohol und/oder Drogen - meistens und -, sind von zu Hause abgehauen oder rausgeflogen, haben geprügelt, gedealt, geklaut - und das alles trotz ihres Alters bereits so heftig und lange, dass Richter oder Jugendämter in ambulanter Betreuung keine Lösung mehr sahen. Für manchen gilt: Wäre er nicht hier, wäre er im Knast.

 

Wie Josef. Er ist 17. Seit eineinhalb Jahren wohnt er bei Parceval. Josef, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, kommt aus Hellersdorf. Bevor er hierherkam, nahm er Kokain, Cannabis, Amphetamine und Alkohol und hatte sich vor allem mit Klauen und Sprayen eine dicke Akte bei der Staatsanwaltschaft erworben. Da er zu Hause zugedröhnt seine Mutter verprügelte, besorgte ihm das Jugendamt eine eigene Wohnung - damals war er 14. "Ab da gings richtig bergab", sagt Josef heute, "das war zu viel Freiheit."

 

Mit 16 drohte ihm der erste Gefängnisaufenthalt. Dass Josef damals in eine Therapieeinrichtung ging, war eigentlich ein Trick: So konnte er der Haftstrafe entgehen. Jetzt ist eine zweijährige Bewährungsstrafe gegen ihn ausgesetzt. Solange er in Therapie bleibt, ist Josef ein freier Mann. Verlässt er die Einrichtung, muss er in den Knast.

 

Gehen hätte Josef jederzeit können. Die Türen bei Parzival sind stets offen, der Bus hält vor dem Klinikgelände, die Stadt ist nah. Er ist aber geblieben. Auch wenn die Sache mit der Therapie anders lief, als er gedacht hatte. "Mal richtig abchillen" - irgendwie so was hatte Josef sich vorgestellt. Da lag er völlig falsch: Aufstehen um Viertel vor sechs, dann Frühsport, später lernen für die Schule und arbeiten für die Gemeinschaft, am Abend Gesprächsrunden. Und dazu diese Ruhe! Eine nicht ganz einfache Veränderung für Jugendliche mit Josefs Geschichte.

 

Gewalt ist tabu

 

"Manchmal sind wir hier schon extrem am Abspasten", sagt Josef. Neue bringen ihre Aggressionen von draußen in die Gruppe. Doch Gewalt ist tabu: Konflikte werden gleich gelöst oder in der abendlichen Gesprächsrunde besprochen. "Warst du heute unhöflich? Hast du andere abgewertet? Oder provoziert?" Solche Fragen stellen die Jugendlichen sich Abend für Abend. Mit Punkten bewerten sie sich selbst.

 

Mit den Betreuern werden Ziele vereinbart: Wer sie erreicht, wird belohnt. "Ich habe hier gelernt hinzunehmen", sagt Josef. Äußerlich trennt den muskulösen jungen Mann mit Basecap und Sportklamotten nichts von seinen Altersgenossen "draußen". Was ihn unterscheidet, ist die Gelassenheit, die er ausstrahlt und die bei einem 17-Jährigen überrascht.

 

Selbsterkenntnis, Innenschau, Impulskontrolle - das sind Begriffe, die Haci Bayram benutzt, wenn er erklärt, wie Parceval arbeitet. Ihre Selbstwahrnehmung sei eines der größten Probleme vieler Jugendlicher, sagt der therapeutischer Leiter der Einrichtung zum Beispiel: "Jede Korrektur wird als Kränkung empfunden." Draußen gäbe es dafür Schläge. Bei Parceval lernen sie, nicht gleich auszurasten, sondern respektvoll und höflich miteinander umzugehen. "Wir wollen den Jugendlichen andere Grundwerte vermitteln" - aus Haci Bayrams Mund klingt das so einleuchtend wie einfach.

 

Der 43-Jährige hat neben einem Sozialpädagogikstudium Ausbildungen in anthroposophischer Sozialtherapie und Heilpädagogik sowie in integrativer Sucht- und Gestaltpsychotherapie absolviert. Die Einrichtung Parceval hat er seit 1999 mit aufgebaut. Parceval arbeitet nach anthroposophischen Grundsätzen. Für Bayram heißt das vor allem, die Würde des Menschen zu achten: die Jugendlichen als gleichberechtigte Persönlichkeiten ernst zu nehmen und entwickeln zu lassen - und sie eben nicht zu brechen und zu erniedrigen, wie es das Konzept so genannter Bootcamps vorsieht.

 

"Alle Jugendlichen, die hier ankommen, sind in ihrem Vertrauen in Erwachsene sehr erschüttert", sagt Bayram. Es gehe deshalb zunächst darum, dieses Vertrauen wiederherzustellen. Bei Parceval funktioniert das zum Beispiel, indem für die BetreuerInnen und TherapeutInnen die gleichen Regeln gelten wie für die Jugendlichen: Jeder darf jeden kritisieren, jeder hält sich an die Umgangsformen. Gebrüllt wird nicht, und selbst die Regel, täglich höchstens acht Zigaretten zu rauchen, gilt für alle.

 

Der 18-jährige Auss hat sich das Rauchen bei Parceval gleich ganz abgewöhnt. Er ist stolz darauf, wie er seine alten Verhaltensweise hier verändert hat. Auss ist mit seiner Familie vor mehr als zwölf Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Nach einer Fluchtodyssee gelangte die Familie über die Ukraine nach Hamburg. Dort erwartete sie - nichts. Auss Vater wurde alkohol- und spielsüchtig, Auss selbst hat neben Ausgrenzung und Ablehnung nicht viel von Deutschland kennengelernt. Sein Vorbild waren seine Brüder: Der jüngere sitzt im Gefängnis, der große ist "gerade draußen", sagt Auss. Er ist über ein Intensivtäterprogramm aus Hamburg zu Parceval gekommen.

 

Anders Eindruck schinden

 

Damals war er auf Marihuana, Koks und Alkohol. In seiner Akte stehen Gewalttaten, Raub und Einbrüche. Es sei ihm vor allem darum gegangen, dass die anderen Angst vor ihm haben, erzählt Auss. Heute erlebt er die anderen Umgangsformen bei Parceval als Freiheit: "Die Leute hier sehen mich so, wie ich wirklich bin."

 

20 bis 30 Prozent der Jugendlichen bei Parceval kommen aus Einwandererfamilien. Heute mehr als früher, sagt Haci Bayram, der selbst aus einer türkischen Einwandererfamilie stammt. Für ein Zeichen zunehmender Drogen- und Gewaltprobleme bei Migranten hält er die Zunahme aber nicht, eher für ein gutes Zeichen: Früher hätten Jugendämter Migranten eher selten in stationäre Einrichtungen vermittelt. Und auch vonseiten der Familien habe es oft Bedenken gegeben gegenüber Hilfsangeboten, die Jugendliche von der Familie trennen. "Es gibt bei vielen Migrantengruppen einen starken Familienbezug", so Bayram. Das Anliegen von Parceval, den Jugendlichen dabei zu helfen, auf eigenen Füßen zu stehen, sei deshalb für manche Familien schwer nachzuvollziehen: "Sie wollen lieber in der Familie helfen." Andererseits sei der familiäre Zusammenhalt eine gute Ressource für die therapeutische Arbeit: "Bei manchen deutschen Familien hat man das Gefühl, dass sie froh sind, ihr Kind endlich los zu sein."

 

Josef jedenfalls will nicht unbedingt zurück zu seiner Familie. Er will den Mittleren Schulabschluss machen und eine Ausbildung, "was Handwerkliches oder im sozialen Bereich". Auch Auss will eine Ausbildung machen: als Koch oder sonst wie in der Gastronomie. Er würde gerne zurück nach Hamburg zu seiner Mutter: "Die hat mir immer gesagt, dass ich Fehler mache."

 

80 Prozent der Jugendlichen, die bei Parceval anfangen, halten die Therapie durch. In der stationären Einrichtung bleiben sie mindestens ein Jahr. Die Betreuung geht danach ambulant weiter: Parceval hilft bei der Wohnungs- und Ausbildungsplatzsuche. "Wir arbeiten mit Partnern auf dem ersten Arbeitsmarkt", erzählt Bayram: soziale Einrichtungen, Biobauernhöfe, Kitas. In vom Arbeitsamt geförderte Ausbildungsmaßnahmen gebe man die Jugendlichen nicht gerne: "Da treffen sie wieder auf genau die Szene, die sie hinter sich gelassen haben."

 

Eine Erfolgsgarantie für lebenslange Nüchternheit könne Parceval aber keinem Jugendlichen geben, sagt Bayram: "Dafür haben sie zu viel Leben vor sich."


www.taz.de

 

Bericht vom 16.April 2007 über das aktuelle Thema: »Sauf Partys« auf 3sat 


"Saufen bis zum Umfallen" löst keine Probleme Alkoholismus bei Jugendlichen nimmt weiter zu besonders bei Mädchen Seit 2002 ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die pro Jahr mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden, um 26 Prozent gestiegen. Einer Studie der Gmünder Ersatzkasse zufolge wurden 2003 mehr als doppelt so viele Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren wegen psychischer Probleme infolge exzessiven Alkoholkonsums behandelt als noch vor zehn Jahren. Dabei machen trinkende Mädchen inzwischen etwa die Hälfte aller jugendlichen Alkoholiker aus.

 

Der Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen hat eine völlig neue Dimension erreicht. Die Kids aus dem Duisburger Stadtteil Hochfeld treffen sich mindestens dreimal pro Woche - dabei ist immer Alkohol im Spiel. Sie trinken, was sie bekommen können, am liebsten Hochprozentiges. Das alltägliche Saufen alarmiert die Duisburger Suchthilfe. Die Suchttherapeutin besucht ihre jugendlichen Klienten vor Ort, weil sie mit ihrem Programm die Kinder in den Schulen nicht erreichen. Bei Jungtrinkern hilft nur der direkte Kontakt.

 

Besonders alarmierend ist, dass die Kinder missbräuchlich trinken, um ihre Probleme zu lösen. Dabei trifft sowohl Hauptschule als auch Gymnasium die gleiche Problematik. Obwohl Alkohol an Vierzehnjährige nicht verkauft werden darf, mangelt es den Kids nicht an Apfelkorn und Schnaps. In der Regel klappt die Organisation von Alkohol gut. Mit 13 wachte Lisa nach durchzechten Nächten irgendwo zwischen Punks in Berlin auf. Heute lebt sie bei "Parceval", einer stationären Einrichtung für suchtkranke Kinder und Jugendliche. Der Absturz von der Klassenbesten bis zum Heroinjunkie führte bei Lisa über den Alkohol.

 

Vier alkoholbedingte Abstürze pro Woche waren keine Seltenheit. Häufig steckt Gruppenzwang hinter den Trinkgewohnheiten. Erste Alkoholexzesse schon mit 12 oder 13 Jahren sind Lisas Erfahrung nach heute ganz normal. Alkohol befreite Lisa vor den ehrgeizigen Eltern. Langeweile ist beim Entzug der größte Feind. Deshalb gehören Arbeiten wie Putzen und Kochen bei "Parceval" zur Therapie.

 

Weil Alkohol für Jugendliche leicht zu besorgen ist, hat sich Koma-Saufen zum Kult entwickelt. Lisas erstes Bier war mit Zitronengeschmack und Schnaps mischte sie mit Limonade. Vor allem bei Mädchen sei es so, dass sie dazugehören wollen, so die Betreuer. Und schließlich hilft die Industrie dank Alkopops gewaltig dabei, den ersten bitteren Schluck erträglicher zu machen.

 

Beitrag von 3Sat www.3sat.de

Kowalski trifft Schmidt (rbb) vom 09.06.2004

 

Jugendliche im Vollrausch

 

EINSTIEGSDROGE ALKOHOL

 

Immer öfter greifen junge Leute in Deutschland und in Polen zur Flasche. Das liegt nicht nur an den attraktiven alkoholhaltigen Getränken, sondern auch daran, dass die Hemmschwelle immer weiter sinkt. Manche erleben ihren ersten Vollrausch schon mit elf Jahren. In Deutschland z.B. mussten im vergangenen Jahr mehr als doppelt so viele Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren wegen Alkoholproblemen in einem Krankenhaus behandelt werden.

 

Deutscher Beitrag

 

Samstagabendritual im Berliner Mauerpark: Jugendliche treffen sich zum Quatschen und Trinken. Kinder von heute werden mit Alkohol groß. Laut Statistik war jeder zweite unter 14 schon einmal betrunken

 

O Töne Jugendliche:

Mein erstes Bier war mit 15, seither hat‘s nicht mehr aufgehört, eigentlich jeden Tag und in rauen Mengen. Mit 13 war ich das erste Mal dicht, also besoffen. Ich würde sagen, mit 13/14 ging das so los mit Sekt und hast du nicht gesehen Feigling.

 

Einen besonderen Anlass braucht es dazu nicht unbedingt.

 

O Töne Jugendliche:

Das hat sich so ergeben, ohne ersichtlichen Grund, ich habe keine Probleme oder so. Besoffen sein, ist schon ein tolles Gefühl.

 

Fast alle in dieser Runde hatten schon einmal einen Vollrausch, unbeabsichtigt oder ganz bewusst: Binge-drinking“ nennt sich das dann, klingt wie eine neue Trendsportart, ist aber Kampftrinken bis ins Koma. Trinken, bis der Arzt kommt, heißt es immer häufiger auf Großveranstaltungen und auf Privatparties. Die Zahl der Klinikeinweisungen nach Alkoholexzessen hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Und häufig müssen die Jugendlichen psychiatrisch behandelt werden. Doch nicht nur das findet der Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Krankenhaus Hellersdorf erschreckend.

 

O Ton Stefan Willma (Kinder- und Jugendpsychiatrie):

Früher waren die jüngsten Patienten, die mit Alkoholintoxikation eingeliefert wurden, so 13-14 Jahre alt, in den letzten 1,5 Jahren waren die jüngsten elf Jahre alt. Ich denke, es spielt eine große Rolle, dass die Kinder weniger konfliktfähig sind und dadurch eventuell die Erfahrung machen, mit Alkohol Dinge zu vergessen.

 

Bruno war schon mit 14 alkoholabhängig. Er hatte Probleme und Alkohol war in seinem Freundeskreis normal. Nach einem Psychiatrieaufenthalt kam er in die Therapieeinrichtung Par-ce-Val, vielleicht seine Rettung:

 

O Ton Bruno:

Ich hatte mit zwölf schon eine Alkoholvergiftung. Also irgendwann habe ich nicht mehr mitbekommen, dass ich trinke, ich habe erbrochen und die Leute, die mit dabei waren, haben meinen Vater geholt und dann kam der Krankenwagen. Also die 3 Promillegrenze war‘s schon ungefähr.

 

Um Rückfälle zu verhindern oder rechtzeitig zu erkennen, wird der 20-Jährige heute täglich auf Alkohol getestet. Langsam lernt er, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dabei helfen ihm Gespräche mit den Betreuern, die ihm neue Lebensperspektiven aufzeigen, und eigenverantwortliches Arbeiten, z.B. im Garten.

 

O Ton Bruno:

Das macht Spaß, es ist eine sinnvolle Arbeit, also nicht, dass man arbeitet, damit die Zeit rumgeht, sondern dass schon etwas erreicht wird.

 

Die meisten Teenager machen ihre ersten Alkohol-Erfahrungen mit süßen Getränken und das immer früher. Experten schlagen Alarm.

 

O Ton Oliver Leber (Betreuer Therapieeinrichtung Par-ce-Val):

Das ist momentan ein Trend, der stärker wird, jetzt gerade auch durch die Alkopops, wo wir jetzt auch gerade sehen, das wird unsere zukünftige Klientel werden.

 

Alcopops sind unter Jugendlichen das beliebteste alkoholische Getränk. Obwohl es eigentlich verboten ist, diese Mixturen aus Limo und Hochprozentigem an Minderjährige abzugeben. Besonders Mädchen stehen auf die süßen Verführer. "Stiftung Warentest" beurteilt die Drinks äußerst kritisch.

 

O Ton Vera Kaftan-Namyslowski (Stiftung Warentest):

Das Besondere an Alkopops ist, dass sie zugeschnitten sind - in ihrer ganzen Aufmachung, vom Geruch, vom Geschmack, von der Farbe - auf ein sehr junges Publikum. Sehr junge Menschen mögen gar keinen Alkohol, aber sie mögen Alcopops, denn durch den Zucker schmecken sie den Alkohol nicht.

 

Ab Juli soll eine Steuer von 83 Cent pro Flasche die Alcopops für Jugendliche unattraktiver machen. Aber das ist nur eine Möglichkeit, die Heranwachsenden vom übermäßigen Trinken abzuhalten. Vieles hängt von den Jugendlichen selber ab.

 

Kamera: Martin Hahn und Jürgen Voigt

Schnitt: Daniela Hanus

Produktion RBB

 

 

Polnischer Beitrag:

Insel für Hilfesuchende

 

Picknick im Grünen, fast wie im Ferienlager. Doch die Jugendlichen hier haben große Probleme.

 

O Ton Zbigniew Tomczak:

Leider ist es bei uns eine Art Mode geworden, weiche Drogen wie Haschisch und Marihuana zu rauchen. Laut Umfragen sind die meisten Schüler schon mal mit Marihuana in Kontakt gekommen, sogar an Gymnasien. Irgendwie hat unsere Gesellschaft dieses Problem verschlafen.

 

Gerade die sogenannten Einstiegsdrogen führten Grzegorz auf "die Insel", die seit Oktober letzten Jahres ihren Sitz in Breslau hat.

 

O Ton Grzegorz:

Wie viele andere habe ich mit Gras und Marihuana angefangen. Danach kamen Amphetamine, Klebstoff, Pilze, ich habe viel herum experimentiert. Amphetamine gab mir den besten Kick. Das macht mir noch heute am meisten Angst.

 

Die Insel ist eine Tagesklinik - mehrmals in der Woche leitet ein Psychologe Therapiesitzungen. Hier wird jeder sofort aufgenommen wenn er selbst nach Hilfe sucht, wenn es ihm schlecht geht, wenn er sich hilflos fühlt oder wenn er einfach nur reden will. Katarzyna ist erst seit ein paar Stunden im Zentrum. Sie will eine Entziehungskur machen.

 

O Ton Katarzyna:

Seit meinem dreizehnten Lebensjahr, seit der Scheidung meiner Eltern, war ich zwischen meiner Mutter und meinem Vater hin- und hergerissen. Um vor diesem Konflikt zu fliehen, begann ich Marihuana zu rauchen, Alkohol zu trinken und das dauerte … viel zu lange. Früher wollte ich keine Hilfe. Ich habe lieber mit meinen Freunden einen geraucht und das Problem verdrängt. Ich habe einfach genug davon, ich will mit dem Rauchen aufhören. Ich will einfach ein normales Leben anfangen. wieder auf die Beine kommen.

 

In der Tagesklinik fehlt es trotz finanzieller Unterstützung durch das städtische Gesundheitsamt noch an Vielem. Wenn geheizt werden muss, kommt es oft vor, dass man alles verbrennt, was einem in die Hände fällt, auch alte Holzfenster.

 

O Ton Jerzy:

Wenn man auf Entzug ist, denkt man ständig nur an Stoff. Die Arbeit ist ziemlich schwer. Es gibt bestimmte Regeln, an die wir uns halten müssen. Wir dürfen noch nicht mal Musik hören, die wir früher gern gehört haben. Aber das ist zu schaffen.

 

Die Therapeuten auf der Insel haben ein vielschichtiges Problem zu lösen..

 

O Ton Zbigniew Tomczak:

Diejenigen, die Marihuana rauchen, trinken gleichzeitig sehr viel Bier, und auch die Amphetaminabhängigen trinken Alkohol. Die Trennung zwischen Alkohol- und Drogenabhängigen in Polen ist merkwürdig. In westlichen Ländern sieht man nur den Süchtigen. Der Gesamtzusammenhang wird gesehen, der eine hat das, der zweite etwas ganz anderes.

 

Maria hat gerade ihr Psychologiestudium beendet. Sie ist nicht viel älter als ihre Schützlinge, auch deshalb reden die jungen Leute gerne mit ihr.

 

O Ton Maria Zajaczkowska (Psychologin):

Wenn sie hierher kommen, sind sie noch vergiftet. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl und sie sind der Meinung, dass sie in ihrem Leben nichts erreicht haben. Sie müssen alles neu aufbauen, Schule, Familie, Freunde.

 

Für Zbigniew Tomczak, den Gründer des Vereins "Insel" ist es das Wichtigste dass die Jugendlichen auf seiner "Insel" in ein normales Leben zurückfinden.

 

O Ton Zbigniew Tomczak:

Ich habe erlebt, wie einige plötzlich wieder Freude am Leben bekommen haben. Das ist für mich ein ungeheurer Ansporn, weiterzumachen.

 

Kamera Piotr Pasierbski

Schnitt Marek Mulica

Produktion TVP

Beitrag von Susanne Stein und Edyta Brzozowska

 

Kowalski trifft Schmidt – rbb Rundfunk Berlin-Brandenburg

 

aus Berliner Morgenpost vom 21.03.2000

 

Neues Zuhause für jugendliche Drogenabhängigees

 

Kladow - Rasen mähen. Essen zubereiten. Zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen. So wird der Alltag drogenabhängiger Jugendlicher in der Kulturpädagogischen Gemeinschaft Par-Ce-Val aussehen. Von anderen Süchtigen trennt sie der Wille, künftig nicht mehr Ecstasy zu schlucken oder Heroin zu spritzen. Par-Ce-Val eröffnete gestern an der Sakrower Landstraße 68-70.

 

Träger dieser Einrichtung ist der gemeinnützige Verein zur Förderung und Entwicklung anthroposophisch erweiterter Heilkunst. Er hat das zweistöckige Par-Ce-Val-Haus mit Eigenmitteln in Höhe von 150 000 Mark renovieren und einrichten lassen. Es hat 300 Quadratmeter Wohnfläche und ist von einem 650 Quadratmeter großen Garten umgeben.

 

In Berlin ist Par-Ce-Val die vierte Einrichtung dieser Art, die ausschließlich Jugendliche und junge Erwachsene aufnimmt. Für sie gibt es in der Hauptstadt nun 41 Plätze in Wohngemeinschaften (WG). Angesichts des Andrangs scheinen vier Einrichtungen für süchtige Jugendliche wenig. «Wir haben schon 20 Anfragen», sagt Par-Ce-Val-Leiter Haci Bayram. Nicht dazu gezählt sind fünf Jugendliche, die bereits eingezogen sind. Bayram weiß, warum der Zulauf groß ist: «Immer mehr Jugendliche sind süchtig», so der Sozialtherapeut. Das Alter, in dem sie erstmals Drogen nehmen, sinke.

 

Nach Auskunft der Senatsjugendverwaltung gibt es in Berlin keine Entzugskliniken nur für jüngere Menschen. Sie werden dort gemeinsam mit Erwachsenen behandelt. Bayram dazu: «Über Erwachsene bekommen die Jugendlichen aber erst Kontakte zur Drogenszene.» Plätze nur für jugendliche Süchtige seien daher umso wichtiger.

 

Par-Ce-Val hat folgendes Konzept: Sieben Sozialpädagogen werden sich um bis zu neun Jugendliche im Alter von 13 bis 21 Jahren kümmern. Anfangs leben sie rund um die Uhr betreut in der WG. Haben sie sich an einen festen Tagesablauf gewöhnt, werden sie die Schule besuchen oder eine Ausbildung beginnen. Dabei wohnen die Jugendlichen weiterhin in derselben Wohngemeinschaft. Später sollen sie in eine eigene WG ziehen.

 

Info: Tel.:  36 43 13 73

© Berliner Morgenpost 2000

 

aus Berliner Morgenpost vom 05.10.2000

 

Endlich clean: Drogentherapie bei Par-Ce-Val

 

Seit sechs Monaten bietet anthroposophischer Verein Hilfe an

Von Evelin Süß

 

Kladow - Die Hacke saust auf den Boden. Ein Loch bleibt, wo zuvor vertrocknete Grashalme standen. Dort wird neuer Rasen gepflanzt. Budo (Namen aller Jugendlichen geändert) stützt sich einen Augenblick auf den Holzstiel der Hacke. «So lassen die uns hier schuften», sagt er. Dann grinst der 14-Jährige. Er hat gespaßt. Budo ist einer von acht Jugendlichen, die in der Kulturpädagogischen Gemeinschaft Par-Ce-Val (Tel.:  36 43 13 73) an der Sakrower Landstraße 68 - 70 leben, arbeiten und eine Drogentherapie machen.

 

Wer dorthin kommt, hat einiges hinter sich. Budo hat Haschisch geraucht, LSD und Ecstasy geschluckt. Im Alter von 13 Jahren hat er in einem gestohlenen Auto einen Mann angefahren. «Deswegen war ich in der Klappe», sagt der Junge, womit er die geschlossene Psychiatrie meint. Par-Ce-Val-Leiter Haci Bayram dazu: «Budo war damals noch nicht strafmündig. Sein Gutachter war sich nicht sicher, ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt.» Da dieser Psychiater Budo aufgrund dieser Tat und seines Drogenkonsums aber als «Gefährdung für die Allgemeinheit» einstufte, wurde der Junge in eine psychiatrische Kinderabteilung eingewiesen. Budos Eltern wussten zunächst nicht weiter. Dann brachten sie ihn zu Par-Ce-Val. Sie ist eine der vier Wohngemeinschaften in Berlin, die ausschließlich für Jugendliche mit Drogenmissbrauch gedacht sind.

 

In der Kladower Einrichtung soll der 14-Jährige von Drogen entwöhnt werden und sich wieder an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. So sieht es der pädagogische Ansatz des Trägers vor. Das ist der Verein zur Förderung und Entwicklung anthroposophisch erweiterter Heilkunst.

 

Jeder Tag der Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren ist ausgefüllt. Nach dem Aufstehen um sieben Uhr müssen sie ihre Zimmer aufräumen, Bäder und Gemeinschaftsräume säubern. Sie streichen Innenräume und legen im 650 Quadratmeter großen Garten einen neuen Rasen an. Täglich steht künstlerisches Arbeiten und Schulunterricht, dreimal pro Woche Sport auf dem Programm. Um 22 Uhr sollten sie im Bett sein.

 

Sechs Monate nach Öffnung von Par-Ce-Val zieht Sozialtherapeut Bayram eine positive Bilanz. «Aller Anfang ist schwer, aber das Projekt läuft erstaunlich gut.» Überwiegend würden die Jugendlichen die Angebote und Regeln der WG annehmen und hätten gute Chancen, nach dem endgültigen Verlassen der Einrichtung clean zu bleiben. «Drei Klienten lassen wir bereits allein zum Arzt oder zum Sportverein.» Direkt danach würden Drogenkontrollen durchgeführt. Bislang gebe es noch keinen Rückfall. Das hänge vom Willen und Selbstvertrauen der Jugendlichen, aber auch stark von den Betreuern ab. «Wenn wir es schaffen, dass die Jugendlichen uns vertrauen, schaufeln sie beim Arbeiten auf einem Bauernhof sogar freiwillig Mist», so Bayram.

 

Vertrauen fällt den Jugendlichen aber manchmal schwer. Stefano nervt die Kontrolle. «Das ist schlimmer als Knast», sagt der 16-Jährige. Er darf nicht zu jeder Tageszeit mit seiner Freundin telefonieren. Wenn er das jetzt aushalte, «kann ich das später im Leben auch». Zudem ärgert ihn, dass Betreuer seine Briefe und Pakete öffnen. Das ist laut Bayram aber erforderlich. «Wir müssen die Post nach Drogen untersuchen.»

 

Auch Nadja missfällt diese Überwachung. Dennoch ist sie über die Therapie bei Par-Ce-Val froh. Zuvor hatte sie zwei Versuche auf Entzugsstationen in Krankenhäusern abgebrochen. In einem hätte sie ohne Hilfe durch Medikamente entziehen sollen. «Im anderen hat man mich mit Schlaftabletten vollgestopft.» In der Kladower WG hingegen fühle sie sich wohl. Wenn Nadja doch einmal schlechte Laune hat, habe sie nur noch selten Bedürfnis nach Heroin.

 

Inzwischen habe sie begriffen, dass sie damit keine Probleme löst. Für die Zeit nach dem Entzug hat die 14-Jährige schon konkrete Vorstellungen: «Ich schließe die Schule ab. Danach will ich Masseurin werden.»

 

© Berliner Morgenpost 2000

Beitrag im Schwerpunktheft – Sucht und Jugend - der Zeitschrift Konturen www.konturen.de (Dezember 2003)

 

Jugendhilfe im Verbund Brandenburg-Berlin

Par-Ce-Val

Kulturpädagogische Gemeinschaft für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche

 

Die kulturpädagogische Gemeinschaft für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche Par-Ce-Val eröffnete im Jahr 2000 die vierte Einrichtung in Berlin. Rund um die Uhr werden Kinder und Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren, die von Drogenmissbrauch und Abhängigkeit betroffen sind und bei denen die Indikation für einen stationären Aufenthalt gegeben ist, betreut. Insgesamt stehen mittlerweile neun Plätze in Kladow, sieben Plätze in Charlottenburg und 14 Plätze in Groß Glienicke bereit. Die Aufenthaltsdauer beträgt sechs bis 24 Monate (es handelt sich bei den Zeitangaben nur um Richtwerte, die tatsächliche Dauer ist abhängig von der individuellen Situation des Jugendlichen und vom Alter).Die „rund um die Uhr Betreuung“ steht in Beziehungskontinuität mit interner und externer Beschulung, Praktika und Ausbildung. Zu den Angeboten gehören weiterhin Kultur- und Kunstpädagogik, sozial- und suchttherapeutische Gruppen- und Einzelarbeit, Familien- und Bezugspersonenarbeit, Freizeit-, Erlebnis-, Theater- und Arbeitspädagogik.

 

Träger ist der „Gemeinnützige Verein zur Förderung und Entwicklung anthroposophisch erweiterter Heilkunst e.V. Berlin“, der 1991 gegründet wurde. Sein Ziel ist die Förderung und Weiterentwicklung der durch die anthroposophische Welt- und Menschenerkenntnis erweiterten Heilkunst, insbesondere auf dem Gebiet der Medizin, der Heileurythmie, der anthroposophischen Heilpädagogik, der Pflege und der künstlerischen Therapie.

 

Jugend und Drogenkonsum

 

Zum Thema "Jugend und Drogenkonsum" heißt es im Konzept von Par-Ce-Val: "Es ist heute keine Besonderheit mehr, wenn elf bis 13 jährige bereits weitreichende Erfahrungen mit Alkohol, Nikotin, Cannabis und nicht selten auch mit Heroin und Kokain machen." Durch die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Jugendkulturen (Technoszene) bekommen synthetische Drogen wie, zum Beispiel Ecstasy und Amphetamine eine immer größere Bedeutung; die Zahl der Erstkonsumenten in diesem Bereich ist enorm hoch, wobei das Einstiegsalter besorgniserregend niedrig ist.  Ausschlaggebend dafür, ob aus dem Ausprobieren eine Abhängigkeit erwächst, ist die aktuelle konstitutionelle und psychosoziale Situation in der sich die jungen Menschen befinden. Negative Konstellationen von biographischen Gegebenheiten können zu Entwicklungsstörungen führen. In dieser Phase werden schließlich auch die Weichen für die schulische und berufliche Karriere gestellt, somit kann das Ausprobieren von Drogen in manchen Fällen fatale weitreichende biographische Folgen haben. Wir sind bei der Auseinandersetzung mit dieser Altersgruppe zu folgenden Einsichten gelangt: 

 

  • Drogenmissbrauch im Jugendalter kann ein riskanter Versuch der Lebensbewältigung sein und braucht vor allem pädagogische Hilfestellung, um eine chronische Pathologisierung abzuwenden.
  • Eine klinische Pathologisierung des Phänomens geht an dem Selbstbild der meisten Jugendlichen vorbei und birgt die Gefahr der negativen Karrierezuschreibung.
  • Die Förderung der Jugendlichen darf sich nicht auf das Symptom des Drogenmissbrauchs beschränken. Eine umfassende Hilfe, die ihnen die breite Palette der Persönlichkeitsentfaltung und der gesellschaftlichen Teilhabechancen erschließt, ist notwendig.
  • Jugendliche bedürfen eines hüllebildenden, heilenden, entwicklungsfördernden Millieus, in dem sie Schutz finden, ihre Anlagen entdecken und Fähigkeiten ausbilden können.
  • Jugendliche leben stark gegenwartsorientiert und brauchen Erlebnisfelder, in denen sie in gesunder Weise Grenzerfahrungen machen können.
  • Jugendliche brauchen Bezugspersonen, die ihnen bei der Aufarbeitung von Entwicklungsstörungen und der Bewältigung weiterer Entwicklungsforderungen beistehen.

 

Durch dies Tal

 

Aufgrund dieser beschriebenen Problematik gründete Par-Ce-Val eine Einrichtung, um diesen Kindern und Jugendlichen einen Ausstieg aus dem Suchtkreislauf zu ermöglichen. Das Haus in Kladow befindet sich nach am Wasser gelegen, umgeben von zahlreichen Freizeit- und Sportmöglichkeiten. Die Unterbringung der Jugendlichen erfolgt in  Einzel- und Doppelzimmern im Obergeschoß, im Erdgeschoß befinden sich die Gemeinschaftsräume. Das Haus hat eine Terrasse und einen großen Garten. Durch die Nähe zum Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe können auch die Ressourcen des Krankenhauses genutzt werden (medizinische Versorgung, Sportplatz, Räumlichkeiten für Therapien etc.).

 

Der Name "Par-Ce-Val" stammt aus dem Französischen und heißt "durch dies Tal", in Anlehnung an die Parzival Legende. Sie beschreibt die Suche des Menschen nach der eigenen Individualität, die als idealtypische Darstellung ein gutes Bild der Thematik Jugendlicher vermitteln kann. Parzival ist ein junger Mensch, dessen Mutter ihn vor der Welt beschützen möchte, vor allem weil sie ihn nicht verlieren mag. Er jedoch spürt einen starken Drang in die Welt zu. Die Mutter versucht dies erfolglos zu verhindern, Parzival löst sich von der Mutter. Eine lange Odyssee beginnt, Parzival macht viele "Fehler", begeht Taten die er bereut, er unterlässt bestimmte Taten was er ebenfalls bereut, er ist oft verzweifelt. Parzival geht "seinen Weg", ohne recht zu wissen wohin. Die Begegnung mit anderen Menschen und  deren Hinweise helfen ihm die richtigen Fragen an das Leben und an sich selbst zu entwickeln um weiter zu kommen. 

 

Das Konzept der Einrichtung beinhaltet die Unterstützung der Jugendlichen, die richtigen Fragestellungen an das Leben zu entwickeln um "ihren" Platz in der Welt zu finden. Aus der Parzival Legende weiß man, dass Irrtümer zum Leben gehören aber auch überwindbar sind, sie machen die Persönlichkeit aus. Krankheit und besondere Schicksalsschläge können so durchaus zur Individualität des Menschen in der Weise gehören, dass sie dazu dienen, besondere Qualitäten zu entwickeln. Damit ist nicht gemeint, dass man alles so hinnehmen muss, wie es eben ist, sondern, dass in allen Dingen doch ein Sinn verborgen sein kann, der entdeckt werden möchte. Es kommt auf die richtige Fragestellung  und auf die Liebe zum Leben an, damit Erfahrung zur Entwicklung führt.

 

Mit der Orientierung an die Anthroposophie möchte die kulturpädagogische Gemeinschaft jungen Menschen in der schwierigen Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung mit zeitgemäßen heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Maßnahmen Hilfestellung leisten, damit sie

 

  • Orientierung finden
  • aus der oft gelernten Hilflosigkeit heraus finden
  • die Konflikte des Lebens handhaben lernen
  • ihre schöpferisch kreativen Fähigkeiten entfalten
  • sich als Gestalter ihrer Biografie erleben
  • ihre Sozialbeziehungen fruchtbar gestalten lernen
  • ihre gesellschaftlichen Teilhabechancen ergreifen
  • eine geschlechtsspezifische, gesellschaftliche und berufliche Identität entwickeln

 

Therapeutische Prämissen

 

Die Lebenslagen von Familien, Kindern und Jugendlichen werden in ihrer Ganzheitlichkeit und als komplexes soziales System wahrgenommen, auf dieser Grundlage wird der tatsächliche Hilfebedarf und nicht das vorhandene Hilfsangebot den Hilfeverlauf bestimmen.

 

Durch die Kooperation mit anderen Trägern der Jugend- und der Suchthilfe wird über Trägerinteressen hinaus die optimale Hilfeform für die Betroffenen ermittelt und ermöglicht. Kinder, Jugendliche und Familien können durch die Einbindung des Angebotes in das Gesamtangebot der Berliner Jugendhilfe- und Suchthilfeangebote sowie der anthroposophischen Initiativen, durch verschiedene Hilfeformen begleitet werden. Damit wird eine kontinuierliche Hilfeplanung für die Kinder und Jugendlichen möglich gemacht. Wechsel der Betreuungsformen, die zum Beispiel notwendig werden durch Phasen von Selbstständigkeit und Hilfebedarf, können so für den Einzelnen im Projekt-Verbund sinnvoll und flexibel gestaltet werden.

 

Der Ansatz versteht sich als Lebenswelt orientiert und integrativ, Eltern- und Familienarbeit hat ebenso einen hohen Stellenwert, wie das Einbeziehen der sozialen, regionalen, kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten.

 

Künstlerische Therapien

 

Die künstlerischen Therapien gehören zu den ältesten Formen des Heilens. Seit den Anfängen moderner Psychiatrie und Psychotherapie (J. Ch. Reil, 1803) wurden künstlerische Ausdrucksformen in heilender Absicht verwandt. In einer fast zweihundertjährigen Praxis wurden die modernen Formen künstlerischer Therapien - Therapie mit bildnerischen Mitteln, Musiktherapie, Tanztherapie, Dramatherapie, Poesie- und Bibliotherapie (vgl. Petzold, Orth 1990) - entwickelt. Sie stehen zum Teil auf dem Boden humanistischer Psychologie, zum Teil auf dem Boden der Psychoanalyse beziehungsweise Tiefenpsychologie oder haben zu eigenständigen therapeutischen Begründungsansätzen geführt. Die künstlerischen Therapieformen sind heute aus dem Behandlungsinstrumentarium der Psychiatrie, Heil- und Sonderpädagogik und Psychotherapie nicht mehr wegzudenken. Die Anthroposophie hat eigenständige kunsttherapeutische Formen hervorgebracht, die beispielsweise in eigenen staatlich anerkannten Fachhochschulen (Ottersberg) oder Hochschulen (Witten-Herdecke) gelehrt werden. Sie stellen im Kontext der Heilstätte ein eigenständiges Element der Behandlung dar, das wiederum mit den verschiedenen Formen klinischer Kunsttherapie im Kontakt ist und zu den verschiedenen Richtungen auch gute Anschlussfähigkeit hat.

 

Prinzipiell ist zu sagen, dass künstlerische Therapieformen alle Sinnesvermögen des Menschen anzusprechen vermögen. Sie aktivieren die Perzeption, stimulieren sensorische Wahrnehmung und wirken somit kreativ auf die Gesamtpersönlichkeit. Es werden aber auch alle - mit den Sinnesvermögen verbundenen - Ausdrucksvermögen angeregt. Wichtig ist im Ansatz von PAR-CE-VAL, dass nicht nur ein Sinnes- und Ausdrucksvermögen einbezogen wird (z.B. das Gehör und die vokale und instrumentale Klanggestaltung), sondern, dass - wie in der antiken Medizin - alle Sinnes- und Ausdrucksvermögen einbezogen werden. Schaut man auf die Abgestumpftheit vieler Patienten, die alleine durch den chemischen Traum, durch zentral stimulierenden Drogen ihre Erlebnisfähigkeit anregen können, so besteht für Behandlungsansätze, die sensorische, perzeptuelle, imaginative Stimulierung auf natürlichen Wege bereitstellen können, durchaus eine Indikation.

 

Die verschiedenen kunsttherapeutischen Möglichkeiten werden im Rahmen der Arbeit in dreifacher Hinsicht eingesetzt: Einerseits mit diagnostischer Absicht, denn in der Gestaltung können sich unbewusste Konflikte, verdrängte Probleme zeigen. Traumatische Erfahrungen, für deren entsetzliche Qualität keine Worte gefunden werden, können in Formen und Farben Gestalt gewinnen, so dass eigentlich Unfassliches fassbar wird. Andererseits kann die Öde und Leere, die als Folge von Defiziterfahrungen in Menschen als Atmosphären der Niedergeschlagenheit wirksam wird, durch die erlebnisstimulierende Kraft der künstlerischen Therapieformen mit alternativen Erfahrungen gefüllt werden. Weiterhin wird insbesondere durch den spezifisch anthroposophischen Ansatz harmonisierend und heilend auf die Gesamtkonstitution eingewirkt.

 

Theaterarbeit

 

Soweit die Umstände und die Indikation es zulassen, nimmt jeder Jugendliche im Laufe seiner Betreuung an einem Theaterprojekt teil. Schauspielarbeit als therapeutisches Element hat in der anthroposophischen Bewegung eine lange Tradition. Der Betreute nimmt im Spiel hierbei eine aktive Bühnenrolle ein. Stücke werden später auch öffentlich aufgeführt. Die therapeutische Wirkung dieser Schauspielarbeit ist sehr umfassend und in jedem Einzelfall sicherlich anders. Trotzdem lassen sich einige charakteristische Wirkungsweisen der Schauspielarbeit festhalten.

 

Darstellende Mittel heilend angewendet, richten sich gegen Isolierungstendenzen, wenn sich Menschen mehr und mehr in sich selber kehren, sich absondern, vereinsamen, sich abkapseln und nicht mehr ohne Anstrengungen in einen offenen, lebendigen Bezug zur Welt und zu den Menschen treten können (diese Tendenz kann man bei vielen verletzten und traumatisierten Menschen beobachten und ist bei Drogenabhängigen besonders stark ausgeprägt).

 

Mittels dramatischer Gesetzmäßigkeiten und Mittel kann dann versucht werden, den Rückzugstendenzen entgegenzuwirken die Sinne und das Ausdrucksverhalten zu stimulieren, den Patienten in der Interaktion zu konfrontieren, ihn "aus der Haut" und "in die Haut eines anderen" schlüpfen zu lassen, Rollenflexibilität zu trainieren. Der Mensch kommt in die Situation, (auf der Bühne) wirklich sichtbar zu werden. Er begegnet seinen Ängsten aber auch seiner Freude. Er spürt wieder, dass er lebt. Er erlebt, dass er durch intensives Üben und Arbeiten an seiner Rolle seine ursprünglichen Grenzen ausweiten kann, dass Wachstum möglich ist. Durch das Erleben, dass auch die anderen die gleichen Schwierigkeiten haben, aber man sich gegenseitig stützen kann und die Hindernisse überwindet, entsteht ein besonderes Gemeinschaftsgefühl, das dazu führt, dass der Einzelne sich mit seinen Schwächen annehmen und bejahen kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist die soziale Gemeinschaft die alle Teilnehmer zusammen bilden; ein Theaterstück wird nur lebendig aus dem Zusammenwirken aller Beteiligten. Es ist ein Dienen des Einzelnen für das Ganze und umgekehrt. So wird soziales Verhalten eingeübt. Auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit den aufgeführten Stücken (z.B. Berthold Brecht, Thornton Wilder, Shakespeare etc.), bringt den Menschen in eine intensive Beziehung zu Geschichte, Literatur, Kultur und großen Menschheitsfragen.

 

Dr. Evelyn Löscher

 

Konturen - Fachzeitschrift zu Sucht und sozialen Fragen